Meine Mutter war schon immer eine außergewöhnlich kreative und begabte Frau. Kunst war seit jeher ihre größte Liebe, ebenso wie die Faszination für fremde Kulturen, architektonische Besonderheiten und all die unterschiedlichen Bauweisen dieser Welt. Ihr Herz brannte für das Schöne und für den Blick für die feinen Details. Einst hegte sie den Traum, als Reiseführerin zu arbeiten, um die Welt zu bereisen und all das zu sehen, was sie so sehr begeisterte. Auch wenn sich dieser Wunsch damals nicht erfüllte, hat sie etwas viel Größeres geschaffen: Sie hat diese Leidenschaft und den Blick für die Welt an mich weitergegeben.
Da ich bereits als Baby und kleines Kind sehr oft umgezogen bin, von einem Land ins nächste, von einer Stadt in die andere , war es für mich nicht immer leicht, schnell Anschluss und Freunde zu finden. Meine Mutter war in dieser Zeit meine feste Stütze. Anstatt eine Kita zu besuchen, verbrachte ich viel Zeit mit ihr. Am liebsten haben wir gemeinsam kreativ gearbeitet: Wir haben gebastelt, gemalt und unzählige Stunden in der Natur verbracht.
Sie war es, die in mir das kreative Denken erweckt hat. Sie lehrte mich, aus dem Nichts etwas Besonderes zu erschaffen und in Dingen, die andere als wertlos oder als Sperrmüll betrachten, ein Kunstwerk zu sehen. Sie brachte mir bei, immer eine Vision vor Augen zu haben.

Durch die vielen Umzüge war ich schon früh in die Gestaltung, Renovierung und Einrichtung unserer Wohnungen und Häuser eingebunden. Wände streichen, Möbel bauen, Räume neu denken, all das hat mein Herz von klein auf höher schlagen lassen. Und diese Begeisterung brennt bis heute in mir.
Schon als kleines Mädchen fertigte ich sehr feine, präzise Arbeiten an. Meine Mutter nannte mich deshalb liebevoll ihren kleinen „Michelangelo“. Bis heute faszinieren mich seine Werke zutiefst, was sich auch in meinen eigenen Arbeiten widerspiegelt, wie etwa in meiner Zeichnung der Pietà mit weißen Buntstiften auf schwarzem Papier. Auch das Bemalen von Decken gehört zu meinen großen Leidenschaften.
Egal ob der Duft der Natur oder die geschäftige Atmosphäre einer Baustelle: Etwas mit den eigenen Händen zu schaffen und meine Visionen in die Realität umzusetzen, ist das, was mich antreibt. Es gibt mir jeden Tag aufs Neue Kraft und motiviert mich aufzustehen. Jeder neue Tag ist eine neue Chance, etwas Einzigartiges zu erschaffen.
Heute bin ich zutiefst dankbar für die intensive Zeit, die ich mit meiner Mutter verbringen durfte. Sie hat mir gezeigt, das Schöne auch dort zu erkennen, wo es vielleicht tief verborgen liegt, an Orten, an denen andere es sich gar nicht vorstellen können. Für mich ist die Kunst auch eine Form der Heilung: Sie hilft mir in schweren Momenten und gibt mir Halt.
Das Schönste daran ist, dass meine Mutter mich bis heute begleitet. Bei meinen Ausstellungen stellt sie ihre eigenen Bilder, die sie nach wie vor mit großer Hingabe malt, an meiner Seite aus. Wir haben zwar unterschiedliche künstlerische Stile, aber wir teilen dieselbe Haltung und sind stolz aufeinander.

Danke, Mama, dass du mir gezeigt hast, wie stark die Liebe zur Kunst ist und wie viel Kraft im Erschaffen liegt.

